Schlabber, schlürf, spuck - Obsolete Rituale der Hochkultur: Die Degustation
Die Gläser sind mit klarem Wasser gespült und Leinentüchern abgerieben worden. Salzarmes Baguette steht bereit. Leise kratzt der Kapselschneider auf dem Flaschenhals. Mit einem kleinen, aber elektrisierenden Quietschen schneidet sich „des Kellners Freund" in den Korken. Ein Ruck, dann der ersehnte Plopp. Das Ritual hat begonnen: Degustation.
Zweifellos ein zentrales Ereignis der Wein- wie der Hochkultur allgemein. Die Teilnehmer sind vorbereitet. Sie haben seit vier Stunden keinen Kontakt mehr mit Zahnpasta, Zigaretten oder Rasierwasser gehabt. Sie sind nüchtern und ein klein wenig aufgeregt - eine angemessene Haltung angesichts eines edlen Weines.
Doch dann das: Ein Schnüffeln und Hecheln hebt an, ein Gurgeln und Röcheln, ein Schlabbern und Schlürfen, ein Schmatzen und Zwitschern, und wüsste man’s nicht besser, dächte man, im Schweinekoben zu stecken. Mit einem Mal haben all die sinnvollen Regeln, die wir Menschen von Kultur ersannen, um die Aufnahme von Feststoffen und Flüssigkeiten in unsere Körper zu organisieren und zu verfeinern, ihre Gültigkeit verloren. Dem Adel des teuren Tropfens begegnen die Teilnehmer des Rituals mit erschreckend frühmittelalterlichem Bauern- und Söldnerbenehmen. Ohne Hemmung zieht man den Wein durch die Zähne, verdünnt ihn mit Speichel, lässt ihn in der Mundhöhle hin und her plätschern - und vergisst sich schließlich vollends: Menschen, mit denen man eben noch über die ästhetischen Konzepte der frühen Popliteraten diskutiert hätte, scheuen sich nicht, den Inhalt ihres Mundes öffentlich auszuwerfen. In Spuckbecher. In herumstehende Sektkühler. Oder gar auf den Fußboden!
Ein solches regressives Verhalten scheint zunächst unerklärlich. Doch wer sich je mit dem Wesen und Werden von Ritualen befasst hat, dem fallen die Parallelen zu anderen Ritualen wie der Beschneidung, der Hochzeit oder dem Ziehen des Hutes sofort auf: Stets gab es einmal einen sinnvollen Kern, der aber im Laufe der Jahrhunderte von lauter Unsinn überlagert und schließlich obsolet wurde. Beim Weintrinken mag es einmal sinnvoll gewesen sein, aus Furcht vor toten Fliegen und rostigen Nägeln das edle Nass mehrmals durch die Zähne zu ziehen und so zu filtern. Das Schmatzen und Zwitschern mag Clanmitglieder angelockt, das Röcheln Fressfeinde fern gehalten haben. Das Ausspucken wird eine durchaus überlebenswichtige Antwort gewesen sein auf blind machende Methanolanteile im Wein. Oder gar Gifte von Feindeshand.
Zweifellos sind heutige Weine weit weniger gefährlich. Das Ritual der Degustation ist also unbedingt zu reformieren. Ein feines, niveauvolles Trinken erfreulicher Tropfen im intelligent disputierenden Kreis - das wäre doch ein schönes Erlebnis (welches gewiss des Winzers Umsätzen aufhelfen würde!). Das Motto des neuen Rituals hieße natürlich: Das Ohr trinkt mit!

|